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Elisabeth
von Samsonow (Wien)
IM ALL DER OFFENKUNDIGKEIT
Die Malerei von Tobias Pils auf dem Hintergrund der Inversion der
Metaphysik der Sichtbarkeit
Botschaften
sowohl schriftlicher als auch visueller Natur hatten die Bestrebung,
sich dadurch interessant zu machen, dass sie vorgaben, etwas zu
enthüllen. Man gab vor, durch irgendwelche Umstände in privilegierter
Weise besonders dazu ermächtigt worden zu sein, eine bisher für
das werte Publikum unzugängliche Nachricht öffentlich zu machen.
Dieser Akt der Veröffentlichung selbst hatte dann für jenen Lärm
oder Alarm zu sorgen, der immer und bis heute so leicht mit dem
Inhalt der Nachricht selbst verwechselt worden ist. Auch die Kunstgeschichte
trumpfte nicht selten mit der Entschlüsselung von Renaissancewerken
auf, mit der Identifizierung porträtierter Personen, mit endlich
richtig verstandenen im Bild versteckten Hinweisen. Im Stil des
modernen Enthüllungsjournalismus verspricht man erst eine monumentale
Einsicht und wirft dann einer durch die anwachsende Neugier polarisierten
und fokusierten Aufmerksamkeit im dramaturgisch richtig gewählten
Augenblick eine durch diese Inszenierung gerahmte Billigkeit vor.
Durch die Hoffnung, es gebe eine das Welträtsel aufschließende Botschaft
zu erwarten, ist man gewillt, in einem konstitutiven Messianismus
zu verharren, in einem Seinszustand der Uneigentlichkeit, der sich
auf das hermeneutische Wunder einrichtet, auf die Ankunft der Botschaft
in Gestalt eines Universalschlüssels oder Codes. Natürlich hat die
Postmoderne den Versuch unternommen, in diesem Wartezimmer des Seins
die einzig heilsame Nachricht auszurufen, nämlich die, dass der
Arzt schon nach Hause gegangen sei. Aber sie hat verabsäumt, anzukündigen,
ob überhaupt wieder therapiert werde, weshalb der auf Warten konditionierten
buchstäblichen Patientenschaft nur der Ausweg in eine paranoide
Selbstbehandlung bleibt. Da könnte nun aber alles etwas bedeuten:
aber was?
Die Bildentleerung der Moderne in der Abstraktion hat gegen diese
Zumutung Strategien entwickelt, die typologisch in zwei Linien beschrieben
werden können: die eine und wahrscheinlich breiter angelegte ist
die, die bei gleichzeitigem radikalen Entzug des Sichtbaren die
Botschaft von Neuem verspricht. Dadurch wird das alte Trauma wiederholt,
aber ästhetisch hypostasiert, was zumindest die Unlustempfindungen
neutralisiert. Man zeigt den mit „voll aufgedrehten“ Sinnen an die
Bilder herantretenden Rezipienten schwach strukturierte oder monochrome
Farbflächen und lädt sie ein, das hinter ihnen anwesende Unsichtbare
„zu sehen“. Dieses Display, in exakter Entsprechung zur Ikonostase,
wirkt wie ein Hoffnungsfänger, wie ein autosuggestives oder hynotisches
emptying out. Seine wirkliche künstlerische Bedeutung erhält es
weniger durch die Nachahmung einer sakralen Bildpolitik, als durch
dem Umstand, dass es sich auf dem Feld einer Wahrnehmungsberuhigung
in Stellung bringt, und zwar just zu einem Zeitpunkt, an dem der
mediale Lärm unerträglich geworden ist.
Eine zweite, von der ersten deutlich unterschiedene typologische
Variante der Abstraktion ist die, die Tobias Pils im Auge hat. Weit
davon entfernt, dem Betrachter hintergründig Verborgenes verheißen
zu wollen, wird durch die Offenlegung das All gezeigt, d.h. ein
All als Offenes, Nicht-Latentes behauptet, welches keine Ausflüchte
im Unsichtbaren hat. Es wird dem Betrachter ein Bild und ausschließlich
ein Bild nicht nur deshalb gezeigt, weil es eine interne Vereinbarung
in der Malerei gibt, dass sich die Bilder aufeinander beziehen müssen
und der professionell Sehende deshalb nicht nach malereiexternen
Bedeutungen sucht oder frägt. Es wird ihm vielmehr ein Bild gezeigt,
weil er erkennen soll, dass das Sichtbare alles über sich sagt.
In Tobias Pils’ Bildern geht es nicht darum, in der Auflösung eines
Bildrätsel zu brillieren oder die richtigen Bezüge herzusagen („das
erinnert mich stark an Rothko, da sehe ich klar den Einfluß von
Agnes Martin, es liegt eine wesentliche Bezugnahme auf Barnett Newman
vor“), sondern genau diese Auflösung des Bildes im Netz der Bildrelationen
und Kontexte zu verhindern. Es wird damit nicht die Sichtbarkeit
des Bildes, sondern seine Lesbarkeit, seine Auflösbarkeit, seine
Annullierung durch eine Verschiebung auf andere Bilder und ihre
Bedeutungen blockiert. Das heißt nun nicht, dass der Maler in einer
exquisiten Form von Solipsismus oder besser: Autismus seine Bilder
abschließen möchte. Es heißt nicht, dass er der Kommunizierbarkeit
und der Beurteilung überhaupt den Kampf angesagt hätte. Es heißt
nur, dass er sieht, wie sich mit der Differenzierung der Kunst selbst
ein Signifikantennetz immer schneller um die visuellen Erfindungen
legen und diese lahm legt, die Augen sozusagen von ihnen abgleiten
und in die nächsten und übernächsten visuellen und textuellen links
zischen läßt. Dieser Vorgang lässt sich vielleicht als ein Effekt
der Ordnung des Sichtbaren, der Ordnung der Kunst, des Systems der
Zeichen verstehen, aber damit ist seine fatale Wirkung, nämlich
die Unmöglichkeit, dieses Bild zu sehen, nicht entschuldigt. Hier
kann es nur ein Maler sein, der Protest einlegt. Die anderen, die
mit den Signifikantenströmen mitfließenden Künstler, profitieren
eher davon, dass man ihre Werke nicht betrachtet, sondern nur reflexartig
auf die einschlägigen Stichworte reagiert. Tobias Pils verzichtet
ausdrücklich auf diese Erleichterung.
Merkwürdigerweise wäre ja die Moderne angetreten gewesen, der These,
dass das Sichtbare das Geheimnis selbst sei, Kontur zu geben. Das
neue Ideal der Transparenz hatte mit Leichtigkeit das der archaischen
Ästhetik überholt, welches der Verhüllung, der Verborgenheit, dem
Kryptischen verpflichtet gewesen ist. Seither hatte man nicht mehr
aufgehört, die Dinge ans Licht zu holen, sie buchstäblich auszustellen
(ex-position). Man wollte mit dem dreimal Großen Hermes ausrufen“
„Was für eine glückselige Schau…in einem einzigen Moment all das
zu sehen… den Unsichtbaren sichtbar..dies ist die Ordnung des Kosmos
und dies ist der Kosmos der Ordnung“, denn „ohne Missgunst tritt
der Herr überall in Erscheinung“. Und aus diesem selben Grund meinte
Giordano Bruno fordert das unendliche Prinzip der Welt seine unendliche
Darstellung. Von da an leeren sich die Krypten, die geheimen Kammern,
das Obszenium (Raum hinter der Bühne); die Vorhänge werden hochgezogen
und alles das, was nicht sichtbar gewesen war, was man nicht (immer)
hatte sehen sollen, bevölkert gläserne Schreine und landet schließlich
auf dem Bildschirm, dem technischen Glas - oder Schaukasten.
Es wird wohl die erste große moderne Bewegung gewesen sein, die
etwas ermöglicht hat, was für ein mittelalterliches Empfinden eine
erstklassige Perversion dargestellt hätte: die Ausstellung eines
Heiligen, die Ausstellung der Gebeine im Diaphanen. Wo Dunkel war,
wo sich in der Abgeschirmtheit, hinter dem Schleier, hinter der
Oberfläche ein Mysterium vermuten ließ, wird nun ein grelles Licht
angedreht. Von allen Seiten wird das ehedem Unsichtbare betrachtet,
begafft, untersucht. Die Undurchsichtigkeit und Schattenhaftigkeit
war aber zu lange Spur und Index des Wahren gewesen, von welchem
das verführerische offen da Stehende sich vergeblich bemühte, die
Aufmerksamkeit abzuziehen, dass sich das Sehen immer noch nicht
so, wie das der Fall sein sollte, vom Sichtbaren aufregen lässt,
sondern eigentlich die Enthüllung nach wie vor erwartet. Hinter
der Hand flüstert sich ein aufgeklärtes, mit der „hellen Kammer“
wohl ins Arrangement gekommene Publikum noch immer die Hoffnung
auf Tiefsinn zu, auf einen Sinn, der in der Tiefe, dahinter, im
Unsichtbaren anwesend sei.
Der philosophische Befund ist ganz klar: das Wiederaufleben der
phänomenologischen und Existenzphilosophie, die Relektüre von Henry
und Marin, die sich in ihren bildlogischen Konzepten so entschieden
an die epiphanische Metaphysik, an die hymnische Lichtmetaphysik
etwa der großen Scholastiker angeschlossen hatten, durchkreuzt das
moderne Projekt, sofern es sich um eine Logik des Manifesten, die
den Messianismus in Sachen des Sehens unterlaufen sollte, bemüht
hatte.
In diesem sich hinziehenden Zustand einer unvollendeten oder Halb-Moderne,
in diesem Gemisch durcheinander rufenden Wahrnehmungsgebote, kann
man die Bedeutung der Bilder von Tobias Pils, aber auch seine Projekte
für den öffentlichen Rau, die von einer unüberbietbaren konzeptuellen
Redlichkeit sind (wie beispielsweise das nicht realisierte MORGEN/
„Und wir berühren einander auch aus der Ferne“ für das Landesdienstleistungszentrum
in Linz) von Tobias Pils verstehen. Sie rauben zwar dem Betrachter
die Möglichkeit, an Stelle eines Kontaktes mit ihnen den üblichen
(narzistischen, relationellen) Kontakt mit dem Deutungsschatz der
Kunstliebhaber und –kenner zu haben. Dagegen gehen sie ins Rennen,
um mit dem Betrachter ein geschlossenes System zu etablieren, in
welchem ihn seine peinliche Berührtheit darüber, dass ihm zu diesen
Bilder nichts einfällt, zum Sehen zurückführt. Selbst mögliche Assoziationen
mit dem American Abstractionism gehen ins Leere, Verbindungen zur
Farbfeldmalerei ebenso, weil die Bilder meistens nicht das, was
man als Farbe versteht (ein um seiner selbst willen vorkommendes
unauflösbares Rätsel), vorzuweisen haben. Die Bilder, in überwiegendem
Schwarz-Weiß, unterlaufen kompositorisch die Verkettung der Assoziationen,
indem sie emphatisch NICHTS zeigen, nicht einmal die moderne Universalfalle
eines grid, das horizontal oder vertikal angelegte Raster von Parallelen.
Da gibt es Kontraste, Linien, Flächen, unfertig wirkende Passagen,
die gegen Graphismen stehen. Es erscheint etwas? Vielleicht Phanes,
das Licht, das Rätsel des Erhellten.
elisabeth
von samsonow zu tobias pils
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