Herbert Achternbusch

Lieber Tobias, ziellos wandern die Sonnenstrahlen über die Gegenstände, die ihnen lediglich als Objekte im Weg liegen. Ziellos aber gehen die Sonnenstrahlen auch in die Finsternis, bis sie zur Sternlosigkeit verschluckt sind. Das tut gut.

Ich möchte mit ein paar Sätzen Deine Bilder begleiten, ähnlich wie mich Deine Bilder beim Schreiben begleiten. Das Schreiben ist meine Art, mich um die Leute zu kümmern. Manche Sonnenstrahlen fallen in die schwarzen Schächte der alten Kamine und werden dort still verschluckt. Wolken streichen den Himmel weiter fast weiß. Heute ist der fünfte Tag, da ich vom Waldviertel zurück bin und ich spüre, wie die sechzehntägige Erholung zu Ende geht.

Viel Energie habe ich in das Schreiben von Briefen, sei es an meinen Arzt, den Rechtsanwalt, den Freund, den Schauspieler gesteckt, denn da ich das Malen aufgegeben habe, rührt sich das Schriftstellerhirn mit Gewalt, um ja kein kleines Buch zu schreiben.

So bleiben mir wenigstens die Korrekturen erspart. Es zieht mich auch weg von der Geschlossenheit, die Buchdeckeln vortäuschen. Weg von den Stolpersteinen wie Impressum, Seitenzahlen, Verkaufspreis und literarisches Gequake, weg wie von dem Anblick des Gerümpels auf unserer letzten Wanderung nach Siebenlinden, wie Aussichtsturm, Busse, Touristen und ähnlichem , das wahrgenommen werden will, aber kein Recht darauf hat.

Der Ort selbst herrlich leer. Ein geschlossenes Wirtshaus, ein aufgegebener Kramerladen, ja nicht einmal die ewigen Autos wie noch in Großwolfgers. Die Kirche eine Zerstörung, gut. Nur unterm Chor vier Parzellen eines gotischen Gewölbes. Einen Buschenschank draus machen, quake ich wiederholt. Aber niemand interessiert sich dafür, auch ich nicht. Mir ist, als hätte ich vor Jahrhunderten zuletzt ein Interesse gehabt, und davon ist noch ein Echo da, eine winzige Spur. Ich will jetzt nicht von der gotischen Kirche reden vor Deinem Atelierfenster Deiner Wohnung in Wien. Das weißt Du alles besser als ich und bewegst Dich davon weg in Deinen Bildern, ahnungslos und voller Ahnung, was solls!

Lassen wir die Regeln des Marktes versanden, wo immer das geht. Wir wollen kein Dach wie der Pfarrer von Siebenlinden, der auch für Großwolfgers zuständig ist, ein Laufdach von der Kirche zu seinem Parkplatz herunter. Er wird auch noch eine Sonderstraße von Siebenlinden nach Großwolfgers beantragen, eine überdachte, versteht sich, weil das der Arbeitsplatzbeschaffung dient.

Hast Du nicht Lust, Deinen Kunstpreis zurückzugeben? Sie spannen uns doch alle ein mit ihrer weltweiten Eigenbrödelei, die alle universellen Bestrebungen im Individuum ersticken soll, denn ich glaube Dir nicht, daß Dich Dein Liebeskummer so still, so fest, so getragen und traurig Deinen Kopf nach Siebenlinden tragen ließ, wo man wenigstens nicht auffällt, wenn man nicht lacht.

Zur Abwechslung muß ich Dir von meinem gestrigen Abend, wie immer nach dem Kinobesuch im Wirtshaus, erzählen. Die Filme werden von Tag zu Tag schlechter, wortwörtlich meine ich das: am Montag Die Nomaden der Lüfte, schon sehr gut und beängstigend, wenn man so genau sieht, daß Vögel nichts anderes sind als Flugapparate und sich die Frage heranschleicht, welche Apparate und zu was die Menschen seien. Die Musik ist auch so miserabel, daß man sich ungebührlich an Bilder klammern muß. Unmöglich das Publikum, fällt ein Kranich bei seinem Hochzeitstanz auf dem Eis hin, lachen sie schallend, als hätte er das für sie gemacht. Schiffsmeldungen beginnt zu einfühlsam mit einem Verlierertypen, den Kevin Spacey so einfühlsam spielt, daß man sich selbst auch gleich verloren und ertrunken aufgeben möchte, aber, aber dann wird aufgemotzt und schwadroniert, daß auf Labrador schon zwölfjährige Kinder zeugen können, und das sagt dann auch noch unappetitlich eine Alte, die mit zwölf von ihrem Bruder geschwängert worden ist. Wohin zielt denn das? Voll in die Scheiße, in den Ölschinken, wie es gerade Mode ist. Weg! Weg! Weg! Am Donnerstag dann Hinter der Sonne: Vendetta in Brasilien, Sertao. Hat man da nicht einmal Filme gesehen von Antonio das Mortes. Du wirst wissen, daß ich mir da eine Verwechslung leiste.

Zum Wirtshaus: gesteckt voll. Ein Plätzchen findet sich immer. Die Bedienungen schlittern vorbei und finden immer noch ein Plätzchen für einen wegrutschenden, fallenden Teller. Wenn gar nichts mehr geht, berührt eine Dame ihre Nase. Mein Nachbar bekommt einen Krautsalat. Beide lesen wir Zeitung, er die von gestern, ich die von heute. Habe ich doch meine Zigarrenasche auf seinen Krautsalat abgestupst, weil alles so eng ist. Stört es Sie wenn ich rauche? Nein, nein sagt er, und aß um die Asche herum. Sein zweites Bier stellt er auf meine Zeitung und ich lese um sein Glas herum. Weil sich kein Sinn einstellt, mache ich meine Notizen um sein Glas herum z.B. daß ich beim Friseur fragte, ob ich meinen Hut herunternehmen müßte. Bevor ich schreibe, graut mir, daß Menschen Haare haben. Heute stieg ich in Starnberg Nord aus. Was ist denn das? Ein Aluminiumkäfig aus Stahl ist der Bahnhof, und kein See. Aber der See kommt gleich. Alles ist häßlich wie immer, nur der See ist affig, schön affig wie er seine Wellen betreibt als wäre nie etwas gewesen. Entschuldigen Sie bitte, sagt mein Nachbar und nimmt sein Bier hoch. Aber die größte Zumutung beim Friseur ist doch der eigene Kopf im Spiegel. So ziehen die Sätze dahin und sind doch immer wieder in ein wenig Licht getaucht, wie Deine Bilder, die so endlos sind und doch manchmal einen Krümel mitlassen wie Deinen Vater, dem Du auf dem Kachelofen den Arsch zu flach gestaltet hast. Aber ich sage mir: Du mußt nicht mich anschauen, Du mußt Deine Bilder anschauen.

Aber wie lange dauert es, bis man zum Ende seiner Kräfte gehen kann. Jedenfalls werde ich in Gebetshaltung sterben, da nach meiner neuesten Einsicht ein jedes Tier eine Gebetshaltung ist. Trivial sind nur die Menschen, und wenn sie beten, sind sie sogar ordinär. Ein guter Maler kann auch eine Gebetshaltung sein. Warum? Weil die Menschen immer wissen wollen, wie der Mensch sei. Und warum wissen sie nicht mehr wie der Mensch ist? Mein erster Gedanke gestern früh: Die Rippen sind Gitter, das Herz schaut gefangen heraus. Aber das Herz wird niemals den letzten Blick auf was haben, weil dem Hirn immer als erstem der Hahn abgedreht wird, ein Trost ist das. Und wer ist Glauba Rocha? Muß noch einen Liebesbrief schreiben.

Servus Dein Herbert, 12. 04. 2002

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