Rainer Fuchs
Bilder als Interpretationsofferte Über Tobias Pils
In einem Teil seines Oeuvres arbeitet Tobias Pils mit Tusche und Graphit auf Papier, wobei das Weiß und die fragile Materialität des Papiers als grundlegende Ressourcen in den Gestaltungs- und Kompositionsprozess miteinbezogen werden. Das Papier ist nicht einfach Arbeitsgrundlage, sondern integrales Gestaltungsmaterial und –motiv. Weiße unbearbeitete Papierflächen werden mit malerisch verdichteten Zonen so verflochten, dass sie den Blick dazu verführen, fiktive Räume, Landschaften und Gegenstände zu sehen, aber zugleich auch die Möglichkeit schaffen, dieses Moments der Verführung gewahr zu werden. In die lasierend transparente Tusche sind mitunter scharf gezogene Kreise und Liniengespinste gesetzt, die wie ein feinnerviges Strukturgerüst oder ein subkutanes Gespinst die malerischen Partien durchziehen, konturieren oder auch kontrastieren. Manchmal erscheinen die Graphismen wie pseudotechnoide Apparaturen oder Architekturen inmitten abgründig traumartiger Landschaftsräume und sind bei genauerer Betrachtung doch nichts als lose Konstellation von Flächen, Linien und Schattierungen.
Diese Bilder zu betrachten, bedeutet sich auf eine Fährtensuche zu begeben, Spuren aufzunehmen, sie zu Konfigurationen zu verdichten und diese wieder aus den Augen zu verlieren, Gegenständliches zu vermuten und doch zugleich dessen fiktionale Struktur zu durchschauen. Man kann angesichts dieser Bilder erkennen, wie verführbar der Blick ist, wie sehr er Zeichen und Markierungen als Darstellungen deutet bzw. wie sehr das Gestaltsehen einen Versuch der Orientierung allen Tatsachen zum Trotz darstellt. Pils hält dieses Spiel der Assoziationen in der Schwebe und hebt es als Thema ins Bewusstsein. So sieht man sich Werken gegenüber, die von Scheinhaftigkeit und ephemeren Zusammenhängen zeugen und dies nicht verbergen. Arbeiten, die also absichtlich das Eindeutige fliehen und ein permanentes Abweichen von vordergründigen Lösungen als die denkbar präziseste Aufgabe, die ein Kunstwerk einzulösen vermag, vermitteln.
Diesen Bildern gegenüber ist man nicht einfach passiver Konsument idyllischer Darstellungen, sondern ein seine eigene Interpretationsarbeit unablässig wahrnehmender und überprüfender Leser. Man könnte die Kompositionen als malerisch zeichnerische Offerte für ein dem Betrachter überantwortetes Beziehungsspiel bezeichnen, dessen Ziel ein unabschließbares Verknüpfen und Wiederauflösen von Interpretationsaspekten ist. Pils handelt wie jemand, der um das Vorläufige, Unzureichende und Vieldeutige von Begriffen weiß und dies alles in sie selbst einzuschreiben versucht, um vorschnellen und missverständlichen Festlegungen zu entgehen. Sein bildnerisches Gestalten erinnert an ein permanentes Sprechen bzw. Schreiben, das sich selbst in der Schwebe hält, seine eigenen Unabwägbarkeiten und Bewegungen zum Inhalt hat und deshalb auf Transparenz, Leichtigkeit und Variabilität abzielt. Was sich daher dem Betrachter zeigt, ist keine selbstvergessene Gewissheit, die sich ungeniert aufdrängt, sondern im Gegenteil eine Art von selbstkritischer Ungewissheit, die sich aus der Erfahrung speist, dass jede sprachliche oder bildnerische Setzung nicht einfach Botschaft ist, sondern immer zugleich auch ein ins Unberechenbare und Ungewisse der Gegenwart und der Geschichte hineingestellter Vorschlag.
Ebensowenig wie bei geschriebenen oder gesprochenen Texten die Bedeutung des damit Gemeinten schon in der Form bzw. dem Klang der Buchstaben, Wörter und Zeichen gegeben ist, liegt auch bei Kunstwerken deren Sinn nicht schon eingekapselt in ihrer materiellen Gestalt vor, sondern erfüllt und verändert sich in ihrer Interpretation und Rezeption innerhalb gesellschaftsgeschichtlicher Rahmenbedingungen, wobei jeder Rezeptionsakt auf diese Bedingungen wiederum verstärkend oder verändernd zurückwirkt. Das Angewiesensein auf den Rezeptionsprozess bestimmt bereits die Produktion von Kunst mit, ebenso wie jeder Autor/Produzent auch von vorneherein in seinem Reagieren auf bestehende Traditionen und gestalterische wie mediale Möglichkeiten selbst schon Rezipient ist. So klinkt sich jeder Produzent in einen historischen Prozess ein, über den er zugleich resümiert und den er weiter vorantreibt. Sein Werk ist immer Conclusio und Vorschlag zugleich, es folgt einer Intention, die in eine letztlich für ihn unvorhersehbare Folge sich synchron und diachron entfaltender Interpretationen durch andere mündet. Es lässt sich also jeder Künstler, ob er möchte oder nicht, von vornherein auf ein offenes Spiel ein und entwirft mit seinen Arbeiten Offerte, deren Deutungen er niemals vollständig vorgreifen kann. Die in Pils Arbeiten erkennbare Absicht, das Spiel der Formen und ihrer Lesbarkeit offenzuhalten bzw. explizit zu thematisieren, bedeutet also im Grunde, die Sensibilität für prinzipiell unhintergehbare rezeptionsgeschichtliche Mechanismen in die konkrete Werkproduktion einfließen zu lassen, sich also im Vorhinein daran zu erinnern, was im Nachhinein ohnehin der Fall sein wird.
Diese Sensibilität für Wahrnehmungs- und Interpretationsabläufe bereits für die Werkproduktion zu nutzen bzw. ihr zugrunde zu legen, bedeutet ein Bewusstsein für die bedeutungstransformierende Relevanz von Kontexten zu vermitteln und damit auch ein Distanzierungsvermögen gegenüber allen Unmittelbarkeitsphantasien in Kunstangelegenheiten an den Tag zu legen. So besteht die Poesie von Pils Arbeiten gerade nicht im Glauben und in der Hingabe an ein lyrisches Gefühlspathos, sondern ist im Misstrauen und in der Kritik an solchen Vorstellungen begründet. Der Irrglaube, dass die Kunst ein Medium von Gefühlswallungen, deren unmittelbarer Darstellbarkeit und Übertragbarkeit auf ein Publikum wäre, erledigt sich solchen Bilder gegenüber von selbst. Um beim Vergleich mit der Sprache zu bleiben: Pils Kunst ist wie ein Sprechen mit und über Sprache zugleich, bzw. eine vom Misstrauen an einer naiven Gefühlsästhetik bestimmte Bildpoesie.
Die eigenen Gefühle Kunstwerken gegenüber für genuine Eigenschaften der Kunstwerke zu halten, ist ein beliebtes Missverständnis. Dem liegt ein „Denken“ zugrunde, das die bestimmende Rolle von Kontexten im Rezeptionsprozess übersieht bzw. negiert. Jede Resonanztheorie, die eine ungetrübte Sender-Empfänger Beziehung voraussetzt und davon ausgeht, dass man autonome und eindeutige Zeichen setzen könne, die auch als solche unverfälscht verstanden werden, stellt sich spätestens dann als naiv oder vorsätzlich heraus, wenn es um die Vermittlung komplexer Sachverhalte geht. Der zwischen Sender und Empfänger, zwischen Werk und Betrachter gelagerte „Raum“, der die Möglichkeiten des Übertragens von Botschaften überhaupt erst ermöglicht und mitbestimmt, ist schon deshalb die mitentscheidende Instanz für Bedeutungsspiele, weil er kein hermetisches Vakuum ist in dem sich Bedeutungen einstellen und halten, sondern im Gegenteil ein von Interessen und Konflikten moduliertes Feld meint, das – um in einer modellhaft vereinfachenden Argumentationsweise zu bleiben – in der Vernetzung mit anderen Feldern zusammen das ausmacht, was man Gesellschaft und Geschichte nennt.
Bezeichnend für Pils` kreatives Misstrauen gegenüber unverrückbaren Festlegungen ist nicht nur sein bildnerischer Gestaltungsansatz, sondern auch seine Beziehung zur Sprache. Wenn auf dem Cover eines - gemeinsam mit Ferdinand Schmatz produzierten - Buches als Titel „vielleicht jetzt“ gedruckt steht, das von einer feinen gelben Linie leicht schräg durchkreuzt wird, so scheint es auch in diesem visuellem Begriffsspiel darum zu gehen, eindeutige Vorstellungen und Fixierungen aus dem Lot zu kippen. Wenn das Unbestimmte und Potentielle des „vielleicht“ mit der denkbar pointiertesten zeitlichen Fixierung des „jetzt“ zu einer einzigen und zugleich linear durchkreuzten Begriffsfigur verschmolzen wird, so kann dies als eine für Pils Arbeit paradigmatische Setzung wechselseitiger Relativierungen und Beeinspruchungen des punktuell Eindeutigen verstanden werden. Denn ein „jetzt“ zu definieren, das mit einem „vielleicht“ gekoppelt ist, kann als eine sich in ihrer Bedeutung selbst relativierende Sprachfigur und damit als Kritik an einem naiven Essentialismus verstanden werden, der sich der Möglichkeit beraubt, das Offenhalten von Bedeutungen als eine dauerhaft sinnvolle Form von Habhaftigkeit zu begreifen. Das Bewusstsein von der relativen Wertigkeit der Bedeutungen und der Unterschiedlichkeit der Interpretationen gegenüber denselben Begriffen bzw. künstlerischen Formen und Intentionen ist also nicht mit einer fatalistischen und resignativen Haltung zu verwechseln, sondern ist Ausdruck des Versuchs, die Falle vorschneller Missverständnisse zugunsten nachhaltiger Einsichten zu umgehen und zu vermeiden.
Wenn sich komplexe Sachverhalte sprachlich schon deshalb nicht völlig präzisieren und mitteilen lassen, weil ein und dieselben Begriffe bzw. Argumentationsketten bei verschiedenen Rezipienten auch unterschiedliche Assoziationen und Handlungsweisen auslösen können, ist jeder Versuch von Genauigkeit in der Kommunikation auch mit dem Eingeständnis des Scheitern Könnens verknüpft. Sprache erfüllt sich also nicht darin, das Nicht-Sprachliche lückenlos und ungetrübt darzustellen und zu erklären, sondern sie erschöpft sich bekanntlich in Annäherungs- und Umschreibungsversuchen. Sinnhaftes und seriöses Sprechen besteht also weitgehend darin, das Unzureichende, Verführerische und Unseriöse der Sprache gezielt einzusetzen, es aufscheinen zu lassen und in seinen Aussagen transparent zu halten. Pils bildnerische Arbeiten leisten einen Beitrag zur Versinnlichung dieses Dilemmas und seiner Darstellung im Medium der Kunst.
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