Ferdinand Schmatz

Zu den Dingern von Pilsinger/Puls.

Etwas sperrt - sich nicht ein und uns nicht aus. Es handelt sich um ein Ding. Nicht nur an sich in der Außenwelt ist es vor allem für uns vorhanden, kann erst in bezug auf uns sperrig sein. Wir stoßen uns daran, aber es stoßt uns an, spürend zu empfinden, was es ist: durch Sehen, Greifen, Riechen, Hören.

Es geht: auf eine Wand zu, die steht, auch als eine Art Bild. Und: um eine zweite Wand, die weht - in Tönen schwingt, als eine Art Stück. Sie schwingt um die sichtbare Wand herum, wie auch um sich selbst. Dabei verlangt sie nach der sichtbaren Wand auf dass:

Die Wand klingt. So wie: Die Brücke tönt. Der Keil singt.

Als Ton-Film, der sich im Bewusstsein des Betrachters abspielt, der vor beiden Wänden steht oder zwischen diesen geht oder in sie hinein gerät –

wie in die weiteren Dinger, um die es geht – Brücke und Keil. Auch sie sind wie die Wand: Gegenstände aus der Hinterhand – der Kunst. Als Pils/Pulsingers Bilder, Objekte und Musiken sind sie zu sehen, zu hören, zu begehen, zu begreifen.

Dieses Begreifen kann auch im Sinn von Verstehen verstanden werden: Nicht nur als Fassen, vielmehr als Erfassen. Was nicht weniger Schauen, Lauschen, Plauschen heißt. Über die Sinne kehren die Dinger in den Sinn – ihrer Bedeutung, ihres Gebrauchs - ein und machen sich und ihn frei. In dieser Art Freiraum, der sperrig und fließend zugleich ist, sprechen sie eine, also ihre Sprache der Kunst.

Deren Sprache knistert. Laut und leise, laut und luise auch. Sie rauscht knapp am Ordentlichen vorbei und ist ein wenig schön defekt. Sie setzt nicht nur auf den Effekt wie auf folgenden: „Jetzt hab ich dich und ordne dich, ruckzuck, in mein Weltbild ein.“

– Also stellen wir uns im freien Spiel der Einbildungskräfte vor, was die so eben anders sind, die Dinger da draußen, wie auch - im Umgang mit ihnen - als Gegenstände in uns da drinnen. -

Ein Dialog entsteht. Eine Rede in Strichen, Tönen und Gedanken daraus. Eine Form. Ich und es. Wir und es. Ich und du. Der Dialog, als Rede zwischen den Dingern in deren Formen, wird von diesen angestoßen, eröffnet – draußen wie drinnen.

Die Sprache der Dinger ist, wie gesagt ein wenig sperrig, wenn auch elegant und fließend. Der Schauende erlebt Töne, der Hörende erlebt Bilder. Und sonst? Flacher Aktionismus genügt doch nicht – also:

Die Wahrnehmung darf wieder Empfindung sein. Die Empfindung fordert die Wahrnehmung des Gegebenen neu heraus. Während der Herausforderung entsteht das Spiel zwischen den Stadien der Empfindungen und Wahrnehmungen als Erfahrung. Das ist wahre Kunst des Gebens und nicht nur des Nehmens. Was gesehen oder gehört wird kommt aus den Dingen und die sitzen im verwirrten Kopf, der ihnen die Funktion neu zuspielt, verstärkend die alte bis zum Wahn-Sinn oder neu bis zum Nichts.

Aber: „Das versteh ich nicht!“ zu rufen, wäre zu leicht. Die Erfahrung „stimmt“ nicht, weil sie künstlerisch bewusst gesetzt, ein klein wenig unstimmig daherkommt, also schön schwingt, enge Weite, tonloser Hall, der keil like.

Es gärt also in unserem Inneren, die wir auf die sperrigen Dinger stoßen, das uns Pils/Pulsinger so fließend ins Ohr gepflanzt und als Streich vor die Nase gesetzt haben - von der Iris des Auges und der Muschel des Ohres hinauf in das, was denkt und lenkt:

Ins Bewusstsein, wo das, wie gesagt, freie Spiel der Einbildungskräfte das Gärende zur Reife bringen will. Ob diese Reifung wirklich so frei erfolgt, das könnte vielleicht die Frage sein. Eine Antwort gäbe das Tätigwerden mit den Dingern, als eine Weise des Erkundens:

Die beengende Einrichtung befreit das denkende Auge. Durch den Gang zwischen Wand und Bild sehen wir einen Gegenstand des Bildes trotz lauter Gegenstände des ganzen Bildes eben nicht auf einmal, sondern das Ganze im Detail (wie den Baum trotz der Wälder).

Die Dimensionen der Dinger allein bewirken schon Irritation. Das Feine des Klangs schwingt sich mit dem Groben der Brücke oder dem Wenigen des Bildes ein. Das ist viel. Die Grenzen der Werke, Musik, Malerei, Skulptur werden dabei nicht aufgehoben in den Dingern selbst wie im einzelnen Betrachter. Und doch scheint das Verlangen, genau diese ungenaue Grenze ständig zu überschreiten, erfüllbar durch eine sich ständig anbahnende, aber nie endgültig einstellende Verschmelzung des Ganzen aus Musik, Malerei, Skulptur - ein Genuss der Wahrnehmung und Empfindung im Herzen des Kopfes, die aus den Sinnen kommen.

Die werden beansprucht, bean-hört, mit-ein-gestimmt: Klang des Bildes, Bild des Klanges. Möglicherweise durch eine Veränderung der herkömmlichen Notation in der Musik, die für die Malerei, als anderes System der Kunst, nicht möglich ist, aber dennoch versucht wird: durch Veränderung der Perspektive und des üblichen Rahmens, das heißt:

kein Rahmen, die Perspektive zentral gestört, der Verlust der Mitte aber gerade dadurch ins Lot gebracht auf einer schiefen Ebene den Handstand so eingerichtet, dass kein Turner dabei herauskommt, also installiert wird!

Also Ende im Anfang, „anfangende,s“ stets. Jedoch kein Spiel der Beliebigkeit durch den bewusst und in die Dinger eingebrachte Wider-Stand oder den Bruch mit der Erwartung des zu Erwartenden, wodurch die Dinger zu dem werden, was sie sind: Kunstwerke, Kunst. Auch außerhalb meiner:

Brücke, Keil, Wand. Sie sind wahrlich keine Kopien der Wirklichkeit. Ein solch verdammtes Ding ist genug.

Allein existieren sie zwar, das schon, aber wie sie erscheinen, das legen die Augen und das darüber Geschaltete auf ihre Weise fest, und machen sie in der Kunst zu den Dingern (auch von Pils/Pulsinger): Ist der Gegenstand das Übliche, muss eben die Empfindung zum Unüblichen gemacht werden. Sie ist auf ihre einzigartige Weise unübertragbar, wohl aber das, was sie in mir w i e auslöst auf andere auch. Als Keil, als Brücke, als Wand, die nicht Keil sind, Brücke, Wand am üblichen Ort – in der Welt der Natur und in der des Museums auch. Was sie dort verbinden oder trennen oder übertragen oder verkeilen, das wird zum Gegenstand der Auflösung durch den Willen zur Veränderung.

Wir sehen nicht mit den Augen, sondern mit dem Gehirn. Das hat den Geschmack und die historischen Bedingungen zu verdauen, die das Sehen festlegen und damit auch das Gesehene. Oder die dieses sehende Gehirn zu genießen hat. Ein wahres Fressen oder nicht, je nachdem. Das Gehörte auch. Alles, Ton in Ton liegt im Gedächtnis gespeichert. Alles gibt sich abrufbar. Es hat ja alles in uns und um uns herum wie geschmiert zu funktionieren. Ergriffensein gehört dazu, das wollen wir immer.

Aber wir könnten es auch anders. Das cool memory, das cool manifest - das war schön ausgedacht, jetzt machen wir die Sachen wieder zu Taten und heißer. Das setzt die Kühle voraus. Drinnen wie draußen. Gegenseitig ist Veränderung angesagt – im Kopf beim Ding am Ort.

Keine Frage: Die Dinger von Pils/Pulsinger schärfen die Wahrnehmung – nicht nur die der Dinger, sondern auch die Wahrnehmung des Ortes, aus dem sie kommen, an dem sie stehen, nämlich jenen ihrer Gebraucher. Also auch unseren Ort und den Blick darauf. Ort der Gesellschaft sagen sie nicht. Sagen wir nicht. Sage ich nicht.

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