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Österreichischer Skulpturenpark, Graz 2005
Leiter, murmelnde Identität
mit Patrick Pulsinger

Die Leiter aus dem Sumpf


Man glaubt zu halluzinieren, wenn sich die Realität plötzlich optisch verändert. Beim Anblick einer Leiter, die über die Baumkronen eines Waldstückes hinausragt, denkt man an Unwirkliches. Die Veränderung der Proportionen spielen unserer Wahrnehmung einen Streich. Offensichtlich ist die weiße Leiter, die seit kurzem südlich von Graz aus dem Wald ragt, nicht Teil einer Baustelle. Tobias Pils und Patrick Pulsinger haben im „Österreichischen Skulpturenpark“ südlich von Graz ein Kunstwerk installiert. Sound und dreidimensionale Form gehen dabei eine Symbiose ein, die auf rein formaler Ebene wunderbar funktioniert. Es ist aber die Inhaltlichkeit, die den Anlass zu diesem Kunstwerk gegeben hat.

In gemeinsamer Arbeit haben ein bildender Künstler (Pils) und ein Musiker (Pulsinger) an Österreich gedacht und diese Gedanken zu einer Klanginstallation verdichtet. Tondokumente sind als avanciertere Form der Denkmäler heute vorstellbar. Allein schon der rauschende, knisternde Klang alter Radioaufnahmen reicht, um uns in historische Dimensionen zu versetzen – Figls „Österreich ist frei“ oder Glenn Millers „American Patrol“ sind in dieser speziellen Anordnung erfahrbar, aber nicht tatsächlich hörbar. Was sind die genannten Beispiele sonst, als akustische Denkmäler? Zusätzlich wird der „Märchenwald“ (Jack und die Wunderbohne) von dunklen Sounds begleitet, die uns einerseits die Vorvergangenheit des Dritten Reiches in Erinnerung rufen. Aber auch die Gegenwärtigkeit des Krieges wird spürbar. Die ambientalen Geräusche, die vom Flughafen, der Autobahn, aber auch von den Vögeln und den umherlaufenden Kindern stammen, vervollständigen das Szenario. Die Kunst organisiert gleichsam die Realität, um in dieser Verdichtung den Menschen erreichen zu können.

Die Leiter stellt ausreichend Realität dar, um als Attraktion zu funktionieren, aber auch ein großes Maß an Abstraktion, um die Realität in Frage zu stellen. Ihre Funktionalität ist auf Grund der Größe des Geräts nicht mehr gegeben. Außerdem fehlen die untersten Sprossen. Was hilft die beste Steighilfe, wenn man sie nicht benützen kann. Es ist unheimlich schwer, da rauf zu kommen und das Getöse rundherum wird immer beängstigender.

Die schonungslose Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit ist grundlegend für eine glückliche Zukunft. Was hier wie ein Wahl- oder Werbeslogan klingt, kann zu einem Basisproblem für ein ganzes Land werden. Die Künstler Pils und Pulsinger beziehen sich darauf - wenn man sich die mächtigen Erdhäufen am Fuße der Leiter ansieht, fragt man sich sofort, was denn da vergraben liegen könnte. Wer will schon graben, wenn wir doch heuer die Pflicht haben stolz zu sein. Alle Ämter, Schulen, Tankstellen und Möbelhäuser sind beflaggt und Herr und Frau ÖsterreicherIn tanzen zum Dankgottesdienst, während am Wiener Heldenplatz das Kraut wächst.

Bei „Leiter, murmelnde Identität“, 2005 von Tobias Pils und Patrick Pulsinger handelt es sich um eines der vielen Mahnmale, die von Berlin bis Graz zu finden sind. Hat Eisenman in Berlin ein Stelenfeld zur Materialisierung des Gedenkens aufbauen lassen, so ist es in Graz eine tönende Leiter. Die symbolische Besetzung der Leiter ist so reich und so schwer, dass es sehr riskant ist, sich mit dieser Form heute künstlerisch auseinander zu setzen. Das Bild triff aber sehr präzise den Zustand, den die Künstler kritisieren. Man will über die Leiter entkommen, es fehlen aber die untersten Sprossen. Die Künstler vermuten das Übel in der Erde vergraben und durch die aufgeworfenen Häufen ist es noch immer sichtbar. Die Sichtweisen sind verschieden – die einen feiern bis zum Umfallen, die anderen legen den Finger auf die Wunde. Beide wollen den Frieden mit der Vergangenheit finden.

Künstler und Politiker wollen den Menschen nicht nur für sich gewinnen, sie wollen ihn und seine Welt verändern. Darin gründet wohl auch ihre Rivalität. Obwohl die Möglichkeiten in ihrer Wirkung verschieden sind, versuchen sie es weiter. Noch ragt die Leiter über den Wald hinaus, den die Künstler als Synonym für Österreich sehen.


Günther Holler-Schuster

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